Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle: Jüngstes Gericht wird entstaubt

Millionen Besucher hinterlassen ihre Spuren auf Michelangelos Meisterwerk.
Jetzt rücken Restauratoren dem weißlichen Schleier auf dem berühmtesten Fresko der Welt zu Leibe – mit destilliertem Wasser und Seidenpapier.

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Von: Sebastian

Michelangelos Meisterwerk in der Sixtinischen Kapelle wird entstaubt und gereinigt

Rom – Hinter einer lebensechten Reproduktion auf Stoff verbirgt sich seit Anfang Februar eines der berühmtesten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte: Michelangelos „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle wird nach über 30 Jahren wieder einer umfassenden Reinigung unterzogen und entstaubt.

Es ist die erste große Säuberung des monumentalen Freskos seit der legendären Jahrhundertrestaurierung, die 1994 unter der Leitung des Chefrestaurators Gianluigi Colalucci abgeschlossen wurde. Die Arbeiten sollen bis Ostern 2026 dauern.

Die Sixtinische Kapelle bleibt während der gesamten Maßnahme für Besucher geöffnet.
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Warum das Fresko gereinigt werden muss

Rund 30.000 Menschen drängen sich täglich durch die Sixtinische Kapelle. Neben ihrer Begeisterung hinterlassen sie Atemluft, Haut- und Haarpartikel sowie Mikrostaub.

Obwohl seit 2014 ein modernes Belüftungs- und Filtersystem die Luft im 10.000 Kubikmeter großen Raum bis zu sechzigmal am Tag erneuert, hat sich im Laufe der Jahre ein weißlicher Schleier auf der etwa 180 Quadratmeter großen Altarwand gebildet.

Paolo Violini, der seit August 2025 als Leiter des Restaurierungslabors für Gemälde und Holzmaterialien der Vatikanischen Museen fungiert, erklärt die Ursache: 

Die Ablagerung von Mikropartikeln fremder Substanzen, die durch Luftbewegungen transportiert werden, habe im Laufe der Zeit die Hell-Dunkel-Kontraste abgeschwächt und die ursprünglichen Farbtöne angeglichen.

Das Fresko mit seinen 391 Figuren, das Christus als Weltenrichter auf eisblauem Hintergrund zeigt, umgeben von Verdammten und Gerechten, habe dadurch an Lesbarkeit und Ausdruckskraft verloren.

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Vom Brotteig zum Hightech-Labor: Die Pflege eines Meisterwerks

Die Sorge um das „Jüngste Gericht“ ist fast so alt wie das Werk selbst. Schon ein Jahr nach der Fertigstellung im Herbst 1541 führte Papst Paul III. die Figur des „mundator“ ein – eines offiziellen Reinigers, der das Fresko vor dem Verfall schützen sollte.

Die Aufgabe fiel Francesco Amadori zu, der Michelangelo bereits als Assistent in der Kapelle zur Seite gestanden hatte. In den folgenden Jahrhunderten wurden die Gemälde mit angefeuchteten Brotkrumen oder Schwämmen gesäubert.

War der Schmutz zu hartnäckig, griff man sogar zu griechischem Harzwein als Lösungsmittel. Der entscheidende Wendepunkt kam mit der großen Jahrhundertrestaurierung von 1980 bis 1994.

Unter der Leitung von Chefrestaurator Gianluigi Colalucci – finanziert vom japanischen Konzern Nippon Television Network – wurde das Fresko mit doppelt destilliertem Wasser und einer verdünnten Ammoniumcarbonat-Lösung behandelt.

Das Ergebnis war eine Sensation für die gesamte Kunstwelt: Unter den jahrhundertealten Verschmutzungen kamen leuchtende Farben zum Vorschein, von denen Kunsthistoriker lange geglaubt hatten, Michelangelo habe sie nie verwendet.

Am 8. April 1994 enthüllte Papst Johannes Paul II. das Ergebnis der damaligen Arbeiten am „Jüngsten Gericht“ feierlich.

Neue Forschungschancen dank moderner Technik

Die aktuelle Reinigung ist mehr als nur Pflege. Dreißig Jahre nach der letzten großen Restaurierung bietet sie die Chance für neue wissenschaftliche Erkenntnisse.

Neben den Restauratoren des Gemäldelabors sind auch Wissenschaftler des Gabinetto Ricerche Scientifiche (GRS), das Büro des Konservators und das Fotolabor der Vatikanischen Museen beteiligt.

Die heutigen Untersuchungsmethoden und Instrumente seien mit denen von damals nicht mehr vergleichbar, betonte Museumsdirektorin Jatta. Die Synergie zwischen Restaurierung und Wissenschaft werde neue Einblicke in Michelangelos Maltechnik ermöglichen.

Ermöglicht wird das Projekt durch die großzügige Unterstützung der Patrons of the Arts in the Vatican Museums, Kapitel Florida – einer Mäzenatenvereinigung, die seit Jahrzehnten Restaurierungsprojekte im Vatikan fördert.

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Was Rombesucher jetzt wissen müssen

Die wichtigste Nachricht für alle, die in den kommenden Wochen eine Romreise planen: Die Sixtinische Kapelle bleibt während der gesamten Dauer der Arbeiten geöffnet.

Allerdings ist die Altarwand mit dem „Jüngsten Gericht“ bis voraussichtlich Ende April von dem Gerüst verdeckt. Stattdessen ist die großformatige Reproduktion auf dem Schutztuch zu sehen.

Die berühmten Deckenfresken mit der ikonischen „Erschaffung Adams“ sind davon nicht betroffen und weiterhin in vollem Umfang zu bewundern.

Wer das „Jüngste Gericht“ in seinem neuen Glanz erleben möchte, sollte seinen Besuch also auf die Zeit nach Ostern 2026 legen. Der Vatikan hat die Fertigstellung der Reinigung vor dem 5. April angekündigt – dem Ostersonntag 2026.

Dann dürfte das Meisterwerk mit wiederhergestellter Farb- und Leuchtkraft in einem Zustand erstrahlen, der Michelangelos ursprünglicher Vision so nahe kommt wie seit der letzten Restaurierung nicht mehr.

Hintergrund: Das „Jüngste Gericht" in Zahlen

Papst Clemens VII. erteilte Michelangelo Buonarroti (1475–1564) im Jahr 1533 den Auftrag für die Altarwand der Sixtinischen Kapelle.

Begonnen wurde das Werk jedoch erst unter Papst Paul III., der den Künstler zum leitenden Architekten, Bildhauer und Maler des Apostolischen Palastes ernannte und ihn von seinen vertraglichen Verpflichtungen für das Grabmal von Papst Julius II. entband.

Im Sommer 1536 begann Michelangelo mit der Arbeit und vollendete das Fresko im Herbst 1541. Am 31. Oktober desselben Jahres zelebrierte Papst Paul III. eine feierliche Vesper vor dem Gemälde, das, wie der Chronist Giorgio Vasari notierte, ganz Rom mit Ehrfurcht und Staunen erfüllte.

Das Fresko bedeckt mit rund 180 Quadratmetern die gesamte Westwand der Kapelle und zeigt 391 Figuren. Die Sixtinische Kapelle selbst wurde zwischen 1475 und 1483 unter Papst Sixtus IV. erbaut und am 15. August 1483 geweiht.

Sie ist 40,9 Meter lang, 13,4 Meter breit und 20,7 Meter hoch. Als Wahlstätte der Päpste diente sie zuletzt bei der Wahl von Leo XIV. am 8. Mai 2025. Jährlich besuchen rund fünf Millionen Menschen die Kapelle als Teil des Rundgangs durch die Vatikanischen Museen.


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